Vom Passatwind verfolgt

Konzert vom 06. Mai 2017 im MTC in Köln.
Trade Wind, Traced by Enemies

Wer Liebeskummer hat oder in einer Fernbeziehung lebt, ist bei Trade Wind sicher gut aufgehoben. So könnte ich den Sound der Band ganz gut umschreiben. Schmachtende, herzzerreißende Post-Hardcore Lieder.
Nicht nur deswegen musste ich nach Köln fahren, um mir die Band anzusehen, sondern auch weil mir ihre letzte Platte You Make Everything Disappear sehr gut gefiel.

Das MTC ist leider so unglaublich blöd in der Innenstadt gelegen, daß es mehr als ein Kunststück ist, mit einem Auto einen Parkpatz zu finden. Also musste ich etwas herumkurven, bis ich in einer kleinen Seitenstrasse endlich einen fand. Der kostete natürlich Geld und ich hatte kaum Münzen in meinem Portemonnaie und warf zwei Euro in den Automaten ein, um eine knappe Stunde Parkzeit zu erwerben. Ich bin dann zu einem Kiosk gelaufen, um dort noch einen Schein gegen Münzen einzutauschen, denn auf aufwendige Abschlepp-Aktionen hatte ich kein Interesse, Also nochmal vier Euro in den Automaten eingeschmissen und das würde sicher schon passen. Ich bin sicher, daß sowieso keine Politessen in der Nacht herumwanderten. Aber meine Paranoia hatte mich wieder überwältigt und ich zahlte artig die Parkgebühren.

Der Weg vom Auto zum MTC war jetzt natürlich lang und irgendwann führte er mich durch die Partymeile Kölns, wo eine Menge Kneipen, Diskotheken und Restaurants sich aneinander reihen. Es war supervoll, denn es war ja ein Samstag und nicht jeder musste am nächsten Morgen wieder um 6 Uhr aufstehen um zur Arbeit zu gehen. So wie ich eben.

Das MTC ist ein Kellerclub, in dem ich schon einmal Karma To Burn gesehen habe. Das Licht ist bescheiden, aber ich wollte den Versuch wagen und hier fotografieren. Vor der Show noch zwei frisch gezapfte Kölsch herunter geschüttet und gewartet. Mir fiel auf, daß heute erstaunlich viele Teenager anwesend waren und vor allem auch ein sehr hoher Anteil an Frauen. Gut für romantisch veranlagte Geister sind Trade Wind genau richtig. Ich kam mir mit meinen 40 Jahren auch nicht alt vor.

Als Vorband spielten heute Traced by Enemies, einer Hardcore/Metal Combo aus der Grenzstadt Viersen. Sie spielen erst seit 2014 zusammen und haben im letzten Dezember ihre erste EP unter dem Titel Unity In Diversity heraus gebracht. Für den Hauptakt Trade Wind war die Band zwar etwas schnell und sehr wuchtig. Aber vielleicht auch Taktik, um zuerst im Sturm zu stehen und sich dann in den ruhigen Dünen einzukuscheln. Die Gruppe war nicht schlecht und ich freue mich, sie mal in einem anderen Zusammenhang kennen zu lernen.

Trade Wind sollten nun den Kuschelkurs einleiten. Jesse Barnett (Stick To Your Guns) und Tom Williams (Stray From The Past) haben diese Band 2014 gegründet und nach einer EP zwei Jahre später schon ihren ersten Longplayer veröffentlicht. Die Texte handeln natürlich nicht nur von Liebe, sondern auch von Einsamkeit und den Alpträumen Jesses, der sich hier sehr persönlich und authentisch wiederspiegelt.

Auch wenn das Set aufgrund der wenigen bisher veröffentlichten Lieder recht kurz war, gefielen mir die einzelnen Stücke live viel besser als auf Vinyl. Und auf Vinyl fand ich sie schon sehr gut. Den ganzen Teenies gefiel die Show wohl auch ziemlich gut, denn sie waren genau wie ich ziemlich beseelt. Sie hatten jetzt nur den Vorteil, weiter an der nun folgenden Party abzutanzen, denn ich musste nun zu meinem kleinen Auto dackeln, vorbei an den schon etwas angetrunkenen Student_innen in den Kneipen und nach Hause fahren. Es war so 22:30 Uhr und mir blieben nur ein paar Stunden, bis ich mich wieder aus dem Bett quälen musste. Der Sonntag sollte lang werden, denn ich hatte sogar noch einen Fotoauftrag nach der regulären Arbeit zu erledigen.

Aber für gute Musik ist mir kein Weg zu weit und keine Müdigkeit zuviel.

Setlist Traced By Enemies
Intro
Unity In Diversity
Pay The Price
Trapped A Life
Monuments
Killing Intro
Cages
Truth Is …
Love

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Kollektive Stimmung

Lesung vom 10. April 2017 im Café Hibiskus in Köln.
Konzert vom 10. April 2017 im Underground in Köln.
Nathan Gray Collective, The Devil’s Trade

Vor kurzer Zeit habe ich erst die neue Platte von dem Boysetsfire Sänger Nathan Gray erhalten und mich sehr gefreut, dass er nun mit seiner neuen Gruppe auf Europa Tour kommen würde. Dann kam sogar noch die frohe Kunde, daß er aus seiner zeitgleich erschienenen Biografie vorlesen würde.

Seine Lesung sollte um 18 Uhr beginnen und in dem kleinen Café Hibiskus in Köln stattfinden. Direkt neben dem Underdog Plattenladen, der das Ganze organisiert hatte. Ich war natürlich knapp eine Stunde zu früh da, denn der Laden war eher sehr klein und ich wollte unbedingt einen Platz erwischen. Zu Beginn war fast niemand da, aber es kamen bis 18 Uhr an die 30 Leute zusammen.

Nathan schien sichtlich nervös zu sein vor dieser kleinen Meute in diesem sehr intimen Rahmen zu stehen. Das sagte er auch ganz deutlich, denn auf Konzerten hat er diese massiven Gitarrenwände hinter sich und hier stand er ganz alleine. Er erzählte etwas und las ein wenig aus seinem Buch vor, aber bereits nach einer Viertelstunde war er damit auch schon fertig und ging dazu über Bücher, CDs, Pappbecher, Eintrittskarten und ähnliche Souvenirs zu signieren und sich kurz mit den Fans zu unterhalten. Fotos wurden mit ihm gemacht, Smalltalk geführt und Fragen gestellt. Ich fand die Lesung für meine Begriffe leider etwas sehr kurz und hätte sie gerne etwas länger gehabt, aber je nachdem wie Nathan seine Priorität gesetzt hat, wollte er wohl eher den engen Kontakt zu den Fans haben.

Natürlich ließ ich auch mein Buch signieren und habe ihm sogar mein eigenes letztes Buch mitgebracht. Street Messages. Das mit den ungefragten Graffiti und Street Art Texten im öffentlichen Raum. Schaut euch mal danach um. Ich bin nach der Signierstunde auch wieder zu meinem Wagen zurück und zum Underground gefahren, um mir das Konzert anzusehen. Vorher musste ich noch zu einer Pizzeria, um meinen Magen etwas zu befüllen, denn ich hatte kaum etwas gegessen.

Als ich im Untergrund ankam, war er erschreckend leer und ich hoffte, daß hier nicht wieder so wenig Leute wie in Birmingham kommen würden, wo nur 25 Zuschauer anwesend waren. Aber als The Devil’s Trade die Bühne betrat, war die Halle doch fast gefüllt. Die Band besteht im Grunde nur aus einer einzigen Person – Dávid Macó, der auch bei der ungarischen Sludge Metal Band Haw mitspielt. Der Mann mit Glatze, einer elektrischen Gitarre, einem Banjo und einer akustischen Gitarre füllte mit seiner Stimme und der Stimmung seiner Lieder den ganzen Underground aus und nahm vom ersten Moment seiner Show das Publikum in seinen Bann. Auf jeden Fall ein Musiker, den man sich nochmal anhören sollte.

Es gab dann eine kleine Umbaupause, in der Nathan seinen Altar oder die Kanzel aufbaute, um seine musikalische Predigt zu beginnen. Nathan Gray verfolge ich nun schon viele Jahre mit Boyetsfire, The Casting Out (I Am Heresy haben mir nicht so sehr gefallen) und auch jetzt bin ich von seinem neuen Projekt dem Nathan Gray Collective schwer begeistert. Daher habe ich auch die Crowdfunding Kampagne auf Pledgemusik für deren neue Platte und Nathans Buch unterstützt.

Der Sound war ein wenig merkwürdig abgemischt, denn das Schlagzeug stach irgendwie etwas dumpf und dominant hervor. Die Stimmung der Lieder kam jedoch authentisch herüber und Nathans Dominanz auf der Bühne und sein absoluter Enthusiasmus, mit denen er die Lieder zelebriert, wirkte absolut ansteckend. Seine schiere Energie kann man fast fassen und die Lieder waren live sogar intensiver als auf Platte. Sie spielten einige Lieder aus der neuen Platte und der ersten EP.

Diese Stimmung konnte man auch im Publikum spüren, denn es schwang auf derselben Ebene mit, wie die Band selbst und ich glaube die Euphorie und die Lieder ergriffen den gesamten Untergrund. Ich denke, dass jedEr Zuschauer*in am Ende mitnehmen konnte, dass wir alle bald oder in einiger Zeit sterben werden. Es ist Zeit, das Leben zu nutzen!!!

Mit Helm unterwegs

Konzert vom 07. Februar 2017 im Gebäude 9 in Köln.
Helmet, Local H

Anfang Februar habe ich mir Helmet und Local H in Köln angesehen. Der Konzertbercht wurde jetzt in der aktuellen OX Ausgabe veröffentlicht. Also los geht und holt euch dieses tolle Magazin!

Helmet live im Gebäude 9 in Köln am 07. Februar 2017

Spinnen im Wald

Konzert vom 14. März 2017 im FZW in Dortmund.
Spidergawd, Woodland

Fast genau ein Jahr nach dem letzten Konzert kommen die Rocker aus Norwegen wieder auf Europa Tournee. Die neue Spidergawd Platte gefiel mir sehr gut und ich wollte zudem noch ein paar Fotos für mein Buchprojekt sammeln. Also habe ich diesmal das Gebäude 9 gemieden, da dort manchmal sehr schwaches Licht ist und bin in das hochmoderne FZW in Dortmund gefahren. Ein Freund des FZW bin ich nicht wirklich, denn dieses Gebäude ist mir zu künstlich errichtet, um der Stadt Dortmund ein hochmodernes Konzerthaus zu geben. Das alte FZW hatte weitaus mehr Charme gehabt.

Als Vorband für Spidergawd hatten sie Woodland aus Trondheim mitgebracht, die sich 2011 gegründet haben. Laut eigenen Angaben spielen sie dreckigen Mississippi Blues, gewürzt mit einer Prise des harten nordischen Winters und einer dunklen Melancholie. Soweit so gut. Die fünf Jungs waren noch relativ jung und teilten sich mit Spidergawd den Bassisten Hallvard Gaardløs, wobei Hallvard bei Woodland auf einem Kontrabass spielte, was einen unglaublich tollen Charme mit sich brachte.

Ich hatte während ihrer ganzen Show das Gefühl, The Beatles ständen hier auf der Bühne. Die Musik passte zwar nicht so ganz, aber irgendwie kamen doch ein paar Klänge der Beatles durch und die Bewegungen Gisle Solbus sahen auch aus als wäre er einer von den Beatles. Trotz aller Parallelen zu den Pilzköpfen haute mich der Sound von Woodland nicht wirklich um, auch wenn er nicht schlecht war.

Extrem nervig war im FZW diesmal, daß nur eine Biertheke aufgebaut war und dort nur ein einsamer Typ die ganzen Massen bewirten musste. Das verursachte eine extrem lange Schlange, die ich in der Umbaupause nicht wahrgenommen habe und stellte mich wie sonst auch einfach an die Theke, um mir ein Bier zu bestellen. Zuerst sagte niemand einen Ton, bis mich dann jemand darauf aufmerksam machte, dass die Schlange da hinten beginnen würde. Da hinten war dann fast am Treppenansatz und das sah mir aus, als müsste ich 30 Minuten für mein Bier anstehen, weswegen ich mich gegen das kühle Nass entschied. Und wo wir gerade einmal dabei sind, das popmoderne neue FZW zu kritisieren: die eiskalte Klimaanlage nervt nicht nur die Zuschauer, sondern vor allem auch die Bands, wenn ständig ein kalter Schauer in den Rücken bläst.

Die Umbaupause strich so dahin und wieder steht das Schlagzeug von Kenneth Kapstad in der Mitte der Bühne ganz vorne. Dafür alleine liebe ich Spidergawd, denn sie stellen den Trommler in den Vordergrund. Ich wusste bereits im Vorfeld, dass dies ein besonderes oder eher ungewöhnliches Konzert für Spidergawd werden würde und direkt zu Anfang machte Gitarrist und Sänger Per Borten in einem etwas gebrochenem, aber flüssigem Deutsch unmissverständlich klar, daß er seine Stimme überstrapaziert habe und heute daher eher instrumentale Stücke gespielt würden und andere Bandmitglieder singen würden. Woodland würde dabei auch unterstützen und er bitte vielmals um Entschuldigung.

Das war nicht zum Nachteil der Show, denn sie bekam damit ihren speziellen Flair und einen neuen Drive. Es wurde sogar improvisiert. Sie spielten eher Songs aus den vergangenen Alben und weniger aus dem Neuen, was ich nicht als störend empfand. Ein rundum gelungenes Konzert, bei dem trotz der wechselnden Stimmen nichts gefehlt hat.

Setlist Spidergawd
Caerulean Caribou
What You Have Become
The Best Kept Secrets
Lighthouse
Get Physical
Fire In The Hole / Made From Sin
The Inevitable
I Am The Night
Empty Rooms
… Is All She Says

Spielpuppen in rauen Bereichen

Konzert vom 15. Februar 2017 im Poppodium Grenswerk in Venlo.
The Toy Dolls, Harsh Realms

Zwischen dem SNFU Konzert und der heutigen Show, besuchte ich noch Helmet im Gebäude 9 in Köln. Der Artikel wird in der April Ausgabe des OX Fanzines veröffentlicht. Sobald ich ihn habe, stelle ich ihn mit ein paar Fotos hier online.

Das Toy Dolls Konzert in Essen war bereits ausverkauft, und da ich meine neue Liebe zu Konzerten in Holland entdeckt habe, lag es auf der Hand für die Toy Dolls nach Venlo zu fahren. Eine Stadt an der deutsch-holländischen Grenze, nur knapp 45 Autominuten von mir zu Hause entfernt. Früher der Pilgerort für alle Kiffer aus dem Ruhrgebiet, der aber auch über einen gut sortierten, wenn auch etwas teuren Plattenladen verfügt. Nicht-Kiffern und Anhängern des Radios wird Venlo sicher durch die 2 Brüder ein begriff sein, wo am Wochenende ganze Horden deutscher Ausflügler Kaffee und sonstiges Zeug einkaufen.

Ich parkte den Wagen etwas ausserhalb des Zentrums in den kostenlosen Straßen und lief ein paar hundert Meter in die Stadt und kaufte in einem Supermarkt erst einmal diese kleinen holländischen Rosinenstütchen, Vla, Schokoladenstreusel und ein paar andere typisch holländische Spezialitäten. Schon beim Einkauf lief mir das Wasser im Mund zusammen und ich beschloss, öfters nach Holland zu fahren.

Die Sachen wieder im Wagen verstaut und zurück in die Stadt die Halle suchen. Das Konzert sollte im Grenswerk stattfinden. Von den Bildern, die ich vorab im Internet recherchiert habe, schien es ein relativ neues Gebäude zu sein und richtig, es sah aus, als wenn es vor 2 Jahren erst errichtet wurde. In der Halle stellte ich fest, daß ich mir vor dem Eingang einige Chips kaufen musste, mit denen ich dann mein Bier bezahlen kann. Für 10 Euro gab es fünf Chips. Das war dann auch der Mindestbetrag, den man an Chips holen konnte. Ein kleines Bier kostete einen Chip. Na, da macht der Schuppen sicher jede Menge Gewinn von den Leuten wie mich, die nicht alle Chips zum Trinken aufbrauchten.

Die Halle selbst glich einem Raum für Ballett- oder Orchesterveranstaltungen. Punks wie die Toy Dolls schienen irgendwie deplatziert zu sein. Als Auftakt spielten Harsh Realms aus Rosendaal in den Niederlanden. Ihre Ansagen verstand ich nicht, denn sie sprachen nur holländisch und spielten eine gefällige Mischung aus rockbarem Punk und angenehmen Rock. Nichts weltbewegendes, aber tanzbar.

The Toy Dolls sind die Begründer des Funk-Punk Genres und wurden schon 1979 gegründet. Das einzig verbliebene Mitglied der Ur-Besetzung ist Olga Algar an der Gitarre. Begleitet wurde er nun von Tommy Gobber am Bass und dem legendären Duncan Redmonds, dem Schlagzeuger von Snuff. Nicht nur wegen ihm wollte ich die Dolls sehen, denn wenn schon nicht Snuff selbst kommen, dann wenigsten ein Bandmitglied von ihnen auf der Bühne.

Was sollte man von diesen Ulknudeln anderes erwarten als eine lustige Show mit vielen Einlagen, Lametta, Luftballons und Comedy. Sonnenbrillen, viel Choreografie, Hüpfen und jeder Menge Witze.
Um knapp 22:30 Uhr flogen dann die Luftballons von der Decke und die Show war vorbei. Es knallten die Ballons und ich verließ diese edle Stätte der Musik im Herzen venlos.

Setlist The Toy Dolls
Fiery Jack
Cloughy Is A Bootboy
Bitten By A Bed Bug!
The Death Of Barry The Rooper With Vertigo
Dirty Doreen
Dougy Giro
Spiders In The Dressing Room
Nellie The Elephant
The Ashbrooke Launderette
Alfie From The Bronx
Bless You My Son / My Girlfriend’s Dad Is A Vicar
She’ll Be Back With Keith Someday
Idle Gossip
The Lambrusco Kid
Tocatta In Dm
Alecs Gone
Drums
Harry Cross (A Tribute To Edna)
Wipe Out!
———–
When The Saints
Glenda And The Test Tube Babies
Dig That Groove Baby
———–
She Goes Out To Finos
Theme Tune

Die Gesellschaft hat keinen Scheiss Nutzen

Konzert vom 27. Januar 2017 im Willemeen in Arnheim.
SNFU, Orphalis, Bitter Grounds

Es sollte ein turbulenter und chaotischer Abend werden, der schon mit unguten Vorzeichen begonnen hatte. Normalerweise plane ich Konzerte weit im Voraus, um meine Dienste bei meiner Chefin anzumelden und damit ich keinen Spätdienst an dem Tag bekomme und erst sehr spät bei Konzerten ankomme. Diesmal ging jedoch etwas gehörig schief, ich hatte Spätdienst, musste zudem noch auf eine andere Station und es grassierte gerade der Norovirus mit Erbrechen und Durchfall bei unseren Senioren und Seniorinnen.

Keine guten Voraussetzungen, denn ich wusste ja, daß ich noch 120 Kilometer bis nach Arnheim fahren müsste. Das könnte extrem knapp werden, wenn SNFU, die ich eigentlich sehen wollte, um 21:45 Uhr anfangen zu spielen. Ich kam aber um 20 Uhr bei der Arbeit raus, fuhr vielleicht manchmal etwas zu schnell über die Autobahnen und parkte in einer Seitenstrasse vom Willemeen, da der Laden in der Nähe des Hauptbahnhofes liegt und damit das Parken schwierig war. Ich hatte auch Angst vor den berüchtigten holländischen Reifenkrallen. Eigentlich hätte ich mir sogar ein Parkticket ziehen müssen, da umsonst parken erst ab 23 Uhr begann, aber ich legte es drauf an.

Das Willemeen war schnell gefunden und ich ging in den Eingang, in dem die meisten Leute standen. Zuvor hatte ich flüchtig einen Zettel an der Wand gesehen, bei dem ein Pfeil in diese Richtung zeigte und ich meine es stand SNFU darüber. Ich sollte mich aber gehörig täuschen. Bei dem Ticketschalter fand der Typ den Scanner nicht, also bekam ich so meinen Stempel auf die Hand. Die Frau daneben sprach mich noch an, was ich nicht sofort verstand, bis mir wieder einfiel, daß ich in Holland war und ich doch in Englisch kommunizieren sollte.

Die Halle war sehr groß und es spielte noch eine Band. Ich wunderte mich etwas, welch unpassende Vorband man sich ausgesucht hatte, denn es waren Orphalis aus Dortmund und der Sänger growlte heftig und sie spielten eher Metal. Aber nun, ich war merkwürdige Zusammenstellungen von Konzerten gewohnt und machte meine Fotos, um das Verpasste aufzuholen. Ich dachte nicht weiter darüber nach. Ich hätte es aber mal besser machen sollen.

Irgendwann fiel mir auf, daß es bereits 21:45 Uhr durch war und mittlerweile eigentlich SNFU ihr Set aufbauen sollten. Dank moderner Technik mit mobilen Telefonen fand ich heraus, daß heute gleich zwei Konzerte in demselben Haus stattfanden. Gnn. Ich war erstmal auf dem Metal Konzert gelandet und düste jetzt schnurrsack nach draußen. Den Leuten an der Kasse war das nun auch aufgefallen und sie gaben mir meine Karte zurück. SNFU sollten in dem kleinen Cafe unten auftreten. Natürlich hatten SNFU schon angefangen zu spielen und das Konzert war komplett ausverkauft.

Das erste Mal habe ich SNFU ungefähr Mitte bis Ende der 90’er Jahre gesehen. Das war glaube ich damals im Zwischenfall, den es heute nicht mehr gibt. Da war ich noch jung und hatte vor dem Konzert voll Schiss, weil ich wusste, daß Sänger Mr. Chi Pig immer herum rotzte und auch gerne mal ins Publikum. Naja, am Ende war das alles halb so wild, aber der Mann ist mir in bester Erinnerung geblieben, weil er ein unglaubliches Energiebündel ist, da er permanent fünf Meter nach oben sprang, manchmal rotzte und herumtanzte. SNFU steht für Society’s No Fucking Use – also die Gesellschaft hat keinen Scheiss Nutzen.

Die Band löste sich nach vielen Trennungen 2005 endgültig auf, als es zu internen Problemen kam und das Epitaph Label ihren Vertrag nicht verlängern wollte. Mr. Chi Pig lebte für einige Jahre als Obdachloser auf der Straße und wurde nun endgültig schwer drogenabhängig und der Gebrauch von Chrystal Meth zeichnete ihn zusehends. Laut seinen eigenen Aussagen erschien ihm irgendwann seine Mutter an seinem Bett und riet ihm dazu, die Drogen doch sein zu lassen. So schaffte er den Dreh und das ist auch gut so, denn so bleibt er uns als Ikone auf der Bühne erhalten. Auch wenn er nicht mehr die Energie versprüht, wie es früher einmal war, ist es dennoch toll ihm zuzusehen in seinen Verkleidungen und Masken, die er sich aufsetzt. es zeigt aber auch, daß man sich aus allen Schieflagen des Lebens von alleine wieder heraus ziehen kann. Alleine dafür gebührt ihm gehöriger Respekt.

Von der Setlist habe ich nicht wirklich etwas mitbekommen, ich kann mich nur an das Lied Cannibal Cafe bewusst erinnern, daß ich zuvor noch im Auto gehört hatte. Ich musste mich zuerst einmal durch die Menge durchkämpfen, um einen geeigneten Platz an der Bühne zu bekommen und ein paar Fotos zu machen zu können. Das Konzert war dann leider auch schneller vorbei als mir lieb war, aber was sollte ich erwarten, wenn ich knapp 15 Minuten zu spät kam.

Dann war Umbaubause und es sollte noch eine Aftershow mit den Bitter Grounds aus Utrecht in den Niederlanden statt finden. Die Mitglieder der Gruppe sind schon seit 1996 musikalisch aktiv und sie veröffentlichten ihr erstes Debutalbum im April letzten Jahres. Sie spielten eine tanzbare Mischung aus Ska, Punk und Reggae. Wieso sie nun als letztes gespielt haben und was daran nun die Aftershow war, hat sich mir nicht erschlossen.

Der Abend war dermassen konfus, dass ich während der Zugabe von Bitter Grounds zurück zum Auto lief. Es fiel mir rückblickend auf, daß bei beiden Konzerten im Willemeen vor allem die Frauen die Stimmung machten und tanzten. Wie Mr. Chi Pig treffend bemerkte: „You guys get a kick in the ass by this bunch of girls here in the front.“ Ich sollte mehr Konzerte in Holland besuchen.

Traurige Landschaften in Spitzbergen

Konzert vom 13. Januar 2017 im Cafe Nova in Essen.
The Saddest Landscape, Svalbard, Forever Young Viktoria, Empty Veins

Das erste Konzert in diesem Jahr und es geht direkt mit diesem Brecher los. Das lässt auf einige tolle Shows in diesem Jahr hoffen. Es schneite in diesen Tagen ein wenig, doch als ich losfuhr, war noch alles in Ordnung. Wenn der Backs von Positive Records seine Konzerte plant, kann man fast immer von einem wahren Festival an Bands ausgehen. Am heutigen Abend konnten wieder ganze vier Bands zelebriert werden. Was ein bisschen auf die Spielzeit der Gruppen ging, denn fast jede Band hatte nur knapp 30 Minuten zur Verfügung und selbst der Hauptakt The Saddest Landscape nur 45. Dennoch sollten diese Minuten umso intensiver werden, denn heute war Hardcore, Screamo und blackened Post-Hardcore angesagt.

Ich stand diesmal mehr als pünktlich noch vor 19 Uhr neben der Kirche in Borbeck vor dem Eingang des Cafe Nova und wartete mit den Anderen darauf, daß uns Einlass gewährt würde. Früher (oder auch noch heute oder?) war/ist das Cafe Nova ein Jugendzentrum, bei dem aber schon diverse gute Bands aufgetreten sind.

Als Auftakt an diesen Abend standen Empty Veins aus Münster auf dem Programm. Ich hatte schon in einem vorherigen Blogeintrag geschrieben, daß Hardcore immer irgendwas mit Sport zu tun hat. Der Gitarrist von Empty Veins stand dem in nichts nach und rannte laufend auf der frühen Fläche vor dem Publikum umher, sprang auf die Bühne, herunter und wetzte wieder von einem Ende zum anderen. Sie spielten einen schnellen Sound zwischen Hardcore und Punk. Sie haben gerade ihre erste EP Tumult herausgebracht, dessen Titellied sich mit der erneut herumgeisternden braunen und blauen Flut des rechten Randes beschäftigt.

Als zweite Musikkapelle des Abends standen Forever Young Viktoria auf der Bühne. Die Gruppe stammt aus Gelsenkirchen, die eine böse Mischung aus Hardcore, Noise und Metal spielen. Der Bassist erinnerte mich zwischenzeitlich mal an Nick Olivieri, aber das kann auch nur an der Glatze und dem Bart gelegen haben.

Die nächste Band haute mich vollkommen aus den Socken. Svalbard stammen aus Bristol in England. Normalerweise hat die Gruppe eine Gitarristin, die auch gleichzeitig singt, aber sie konnte an der Europa Tour nicht teilnehmen und so sprangen Nicolas von The Tidal Sleep als zweiter Sänger und Mark von Group Of Man an der zweiten Gitarre ein. Auch wenn ich natürlich gerne Serena mit ihrer krassen Stimme gesehen hätte, taten die beiden Jungs einen guten Job.

Svalbard heisst im Englischen Spitzbergen, eine Inselgruppe im Norden Norwegens in der Nähe des Nordpols und Grönlands. Die Musik der Band ist ebenso kompakt, eisig hart und robust wie die Landschaft dort oben. Ich kannte die Gruppe bisher nicht, aber war schwer geflasht von der breiten Gitarrenwand mit dem nervösen Schlagzeug und dem lautem Geschrei. Schnell, kantig und kompakt. Mehr bitte. Die erste geniale Neuentdeckung in diesem Jahr.

Das hätte mir nun fast schon an Intensität gereicht, aber The Saddest Landscape sollten das noch toppen. Bevor deren Show jedoch losging, ließ Sänger Andy das Licht dimmen, sodaß es am Ende nur noch rot war. Das ärgerte mich natürlich total, denn damit konnte man keine vernünftigen Fotos mehr machen. Nun egal. Die Gruppe lebt davon, daß es zu einer Interaktion zwischen Publikum und Band kommt. Es kann also das Publikum singen, was es auch oft tat und es tummelte sich manchmal mehrere Leute auf der Bühne ums Mikrofon und Andy mitten unter ihnen.

Einer der Zuschauer verausgabte sich so sehr mit pogen, schreiben und tanzen, daß er irgendwann auf der Bühne niedersank und sich übergab. Der arme Kerl musste hinaus getragen werden, kam aber einige Zeit später wieder und machte weiter als wäre nichts gewesen. Der Sound war auch so dermassen energiegeladen, daß sie wie Strom durch das Publikum floss.

Nach mehreren Zugaben, war dann auch schon Schluss, ich besorgte mir noch ein Vinyl von Svalbard und fuhr nach Hause, da es noch weiter ging an diesem Abend. Es hatte mittlerweile wieder angefangen zu schneien, aber die Flocken blieben nicht liegen und verwandelten sich nur in klares Wasser, da es noch zu warm war. Ich kam also wohlbehalten wieder in Kettwig bei meinem Kollegen an.