Keine Zeit

Wäre ich ein Arzt,
hätte ich mich beim Anblick
heute morgen in den Spiegel
sofort krank geschrieben.
Dieses Gesicht,
so verzogen
und zerknittert
wie ein Taschentuch,
was aus Versehen
in der Hosentasche blieb
und mit gewaschen wurde.
Genauso kalkweiss
starre ich mich
im Spiegel an.
Ungläubig
und fast schon irritiert.
Was ist aus mir geworden?
Ausgelaugt vom Leben,
zu wenig Zeit zur Reaktivierung
neuer Kräfte
und keine Zeit
zum Entspannen
und zum Nichtstun.
Die Batterien sind leer
und die Lethargie
nicht vorgetäuscht,
sondern ein Resultat
dieser qualvollen Momente,
in denen ich nicht bei mir bin,
sondern für andere,
die sich in Köpenick mal eben ein Haus
kaufen können
und ich bekomme kalte Füsse in der Küche,
weil ich mir
keinen Teppich leisten kann
und Heizkosten spare.
So fernab eines Lebens,
das in meinem Herzen brennt
und fernab eines Daseins,
das mich in Anspruch nimmt
und wie Wellen nach vorne trägt.
Die Blume in meiner Seele
ist schon fast verblüht
und welkt dahin.
All das kotzt mir an diesem Morgen
aus meinem Spiegel entgegen.
Ich laufe zum Telefon
und melde mich für heute krank.
Für die nächste Woche,
für die nächste Zeit.
Mit der Begründung,
ich müsse meine Blumen giessen.

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Vor die Herzen schauen

Ich kann
den Menschen nur vor den Kopf schauen
und kann ihre Gefühle
oft nur erraten
oder wie sie sich fühlen
oder was sie denken.
Manche lügen ja auch
oder sind unehrlich
zu sich selbst
oder zu anderen.
Ich habe nicht die Gabe hinein zu sehen,
in Seelen, Herzen oder Gedanken,
sonst wäre ich ein Gott.
Durch Mauern kann ich auch nicht schauen,
vor allem nicht die, die sich Menschen
um sich herum bauen.
Ich bin sozial inkompetent
und oft so enttäuscht von
den egoistischen und
egomanischen Wandlungen des menschlichen Wesens,
die oft herrühren
aus den Schmerzen des Lebens
und der Gewalt des sozialen Handelns.
Dieses pervertierte zwischenmenschliche Ding,
daß wir Gesellschaft oder
Beziehungen nennen,
Freunde,
Bekannte,
Geliebte,
LebenspartnerInnen
und Ehepartner.
Nein, viele haben nicht verstanden,
was es heisst
zu lieben
oder zu leben.
Verirrt in der harten Realität
des Daseins und
dem irrigen Glauben,
sich behaupten zu müssen
und die eigenen Grenzen zu schützen.
Auch vor denen, die mit Liebe und
offenen Herzen auf sie zugehen.
Sie haben es verlernt,
die Blumen der Menschen zu sehen,
die eine ehrliche und liebevolle
Nähe wollen und dafür kämpfen –
Tag für Tag,
Minute für Minute.
Auch wenn sie selbst gegeißelt sind
von der harten Wirklichkeit,
der kalten Gesellschaft,
die wie Eis am Fenster klebt
und in die Häuser schaut.
In diese wärmende Behaglichkeit,
aber dennoch ziehen sie es vor,
draußen in der Kälte zu bleiben,
um weiter zu frieren
oder einen Schneeball in die wohlig-warmen
Wohnungen zu werfen.
Die Arme zu verschränken
und die offenen Arme des Gegenübers abzulehnen,
rührt aus den negativen Erfahrungen
der vergangenen menschlichen Abartigkeiten
im Sozialverhalten und in deren Gabe,
anderen Schmerzen zuzufügen.
Dabei wird oft übersehen,
welcher Mensch
nun wirklich herzlich und ehrlich
die Arme ausstreckt
und das Herz wärmt,
um die Kälte der menschlichen Gesellschaft zu erwärmen
und den Weg des Lebens zu gehen.
Ach, wie verkorkst sind wir schon,
wenn wir das nicht mehr erkennen
und diese kalte Welt am Leben erhalten.
Ach, was können Menschen andere Menschen zerstören,
ihre Seelen,
ihre Herzen
und ihre Zukunft,
daß sie nicht mehr sehen können,
wer es ernst meint.
Darum trinke ich mir noch einen
und stoße an
auf das Wohl der Menschlichkeit
und der liebenden Herzen.
Auch um zu vergessen,
welche Schande sich genau
neben mir abspielt.
Oje, und jetzt sehe ich,
wie ich selbst schon
in der Abgrenzung aus der menschlichen
Gesellschaft und in der Kälte
des Daseins
angelangt bin.

Exkremente einer Raupe

Wenn der Regen
an den Fensterscheiben
herunter rinnt und seine Fäden zieht,
weint der Himmel
seine salzigen Tränen
auf das kalte Glas,
daß erstarrt vor Urzeiten noch Kalk war.
Tropfen fallen auf gelbe Westen
in Frankreich, Holland und Belgien
hernieder und es riecht nach
Revolution.
Sollen sie doch die
arroganten Politiker zum Teufen jagen
oder in kleinen Schiffchen aufs Mittelmeer,
damit sie dort ertrinken
wie die geknechteten Völker Afrikas
auf der Suche nach neuem Glück,
daß diese Politiker ihnen genommen haben
mit ihren Krawatten aus
den Exkrementen der Seidenspinnerraupe.
Nur der deutsche Idiot
versucht rassistische und
neonationalistische Inhalte
in diesen Kampf
um Befreiung zu streuen
und versagt kläglich.
Pah!
Diese bornierten Anhänger
einer pseudo-alternativen Politik,
sollte man gleichwohl
in löcherige Kähne
auf eine ungewisse Reise
übers Mittelmeer schicken,
damit sie kläglich ersaufen
in ihrem jämmerlichen Wehgeschrei
um den Untergang einer verfickten
weißen Rasse.
Ich lache darüber gehässig und
sitze immer noch hier,
am Zusammenfluss der Seine und der Spree,
bin betrunken von bayrischem Bier,
denn es schmeckt am Besten
und betäubt die Sinne,
in diesem widerlichen gesellschaftlichen Brei
um Anerkennung, etwas Trost
und ein paar Euro in der Tasche,
schreibe dummes Zeug
das niemand liest
und verfluche diese Stadt
mit ihren ignoranten
und verlogenen Schergen
einer Gesellschaft,
die glaubt, noch einmal
richtig wichtig zu sein,
bevor sie grandios untergehen wird
wie die Ägypter, Mayas oder Azteken.
Ich werfe meine leere Bierflasche aus dem Fenster
aber bis zum Reichstag
ist es zu weit
und sie landet auf dem Fussweg
vor meinem Haus,
wo morgen die Postbotin
über die Scherben fährt und
sich einen Platten holt.
Den ganzen restlichen Arbeitstag
muss sie nun ihr Rad schieben.
Welch kläglicher Versuch
unsere Regierung mit einer leeren Bierflasche
zu stürzen
und dabei nur der Postbotin
einen miesen Tag zu bescheren.
Wie wir alle,
die wir versuchen, besonders
alternativ und fortschrittlich zu sein
und dabei nur versuchen,
aus den eigenen Exkrementen
eine Krawatte zu spinnen,
die dann von den Politikern
auf megawichtigen Konferenzen
zur Schau getragen wird.
Sie tragen förmlich die Scheisse
um ihren Hals,
die dann nicht reicht zu einem Strick,
um uns alle zu erdrosseln.
Darum setze ich mich jetzt auf mein Rad,
fahre zum Reichstag,
im Nieselregen,
spanne den Kasten Bier auf meinen Gepäckträger,
trinke ihn dort aus
und werfe die leeren Flaschen über den Zaun.
Wenn die Bullen kommen,
sage ich nur:
„Ich habe meinen Schirm vergessen
und die Gelbweste auch!“
Vierzehn Jahre Knast
für eine Flasche Bier!

Barmherzigkeit und Liebe

Konzert vom 29. Juni 2018 im SO 36 in Berlin
Boysetsfire, Boston Manor

Schon wieder das SO36 und diesmal mit einer Band, die ich schon etliche Jahre nicht mehr live gesehen habe und die dennoch zu einer meiner absoluten Lieblingsbands gehört: Boysetsfire. Ich habe in den letzten Jahren zwar viel die einzelnen Projekte von Sänger Nathan verfolgt, wie The Casting Out oder das Nathan Gray Collective, aber die eigentliche Musikkapelle, weswegen ich auf all die anderen Bands gestoßen bin, habe ich sicherlich das letzte Mal 2007 in Saarbrücken gesehen. Danach hatten sie sich vorerst aufgelöst.
Umso schöner, daß sie während der diesjährigen Festival-Tour auch in kleinen Clubs spielen. Egal, welche dieser Bands um Nathan Gray man auch besucht, es ist stets eine wunderbare, kollektive und friedliche Stimmung zu spüren, die nur wenigen Musikgruppen mit ihren Fans eigen ist. Genau diese Stimmung von einer fast familiären Atmosphäre, obwohl man sich überhaupt nicht kennt, ist sicher eine der Essenzen von Boysetsfire. Dazu sind es noch unglaublich authentische und herzliche Menschen, die dort auf der Bühne stehen und ein Sänger, den man nach den Shows immer mitten unter dem Publikum findet, wo er geduldig und offenherzig Selfies machen lässt, kurze Worte mit seinen Fans wechselt und Autogramme gibt. Von Starallüren keine Spur.
Am Ende vollkommen verschwitzt aus dem SO36 zu gehen und an etwas Besonderem teilgenommen zu haben, ist etwas wunderbares. Auch wenn es erst 22:30 Uhr war, hat dieses Konzert dem Tag mit all den Strapazen von Lohnarbeit, den persönlichen Problemen und den immer drastischer werdenden Problemen in dieser Welt soviel positive Energie gegeben, daß man wieder einen Schritt vor den nächsten setzen kann.

 

 

Kresse und Konflikte

Konzert vom 08. Juni 2018 im SO 36 in Berlin
Conflict, Cress, Vicious Irene

Diesmal schaffe ich es leider nicht einen Konzertbericht zu schreiben, weil ich eine Menge Projekte habe, die meine Zeit so dermassen in Anspruch nehmen, dass ich nur ein paar der besten Bilder, dieses intensiven, energiegeladenen Konzertes zu veröffentlichen.

Himmelskörper und schwarze Löcher

Konzert vom 20. Januar 2018 im Cassopeia in Berlin
Celeste, Haeresis

Durch meinen Umzug nach Berlin habe ich eine kleine Konzertpause einlegen müssen. Nicht nur kosten Umzüge viel Geld, auch wollte ich meine neue Wohnung herrichten, was wiederum eine Menge Zeit in Anspruch genommen hat. Dennoch habe ich in der Zwischenzeit einige sehr tolle Bands gesehen, darunter das Motorpsycho Konzert Anfang November im Festsaal in Kreuzberg, was eines der herausragendsten und besten Konzerte des letzten Jahres wurde. Hmm, vielleicht sogar der letzten Jahre. Daneben sah ich noch Toxoplasma, Moskwa, Nietnagel und Raumschiff Antichrist. Eine sehr bunte Mischung und im neuen Jahr habe ich wieder angefangen Bands anzuschreiben, um ihre Konzerte zu fotografieren. Die erste Show sollte von Celeste aus Frankreich sein.

Gerade erst veröffentlichten sie ihr neues (fünftes) Album Infidelè(s) (die Ungläubigen) und da die Band eine sehr markante Bühnenshow liefert, sah ich es als Herausforderung, sie in ihrer selbstgewählten, fast absoluten Dunkelheit zu fotografieren. Meine Freundin Isabel hatte mir zu meiner Freude noch Karten zum Geburtstag geschenkt. Herrlich schöne Karten auf stabilem Karton gedruckt mit dem Motiv der neuen Platte. Das Dumme war wie immer – die Arbeit. In meinem neuen Job musste ich an dem Samstag eigentlich bis 21:15 Uhr arbeiten und ich hatte gesehen, daß Celeste um 21 Uhr beginnen sollten. Das löste natürlich eine besorgniserregende Unruhe in mir aus, ob ich es noch rechtzeitig schaffen würde.

Ich bekam zum Glück eher frei und raste mit meinem Fahrrad von Kreuzberg nach Friedrichshain und wartete bis Isabel mit unserer Freundin Lisa eintraf. Ich trieb die Beiden zur Eile und als wir in der Halle ankamen, hatten Celeste natürlich schon begonnen zu spielen und das Konzert war zudem noch ausverkauft. Eigentlich mein absoluter Alptraum und insgeheim verfluchte ich meinen Job und auch mich selbst, daß ich nicht blau gemacht habe. Zusammen kämpften wir uns durch die Menschen, stiegen über Rucksäcke, die wie Leichen wahllos in der Gegend herum lagen und kamen endlich bei der Bühne an.

Leider etwas zu spät, aber irgendwie gelang es mir, mich in die Musik einzufinden und den Stress davor zu vergessen. Dieser düstere Sound, bei dem man jeden Basston in den Rippen spürt und mich immer mehr in das schwarze Loch hineinsog, daß sich urplötzlich unter meinen Füssen auftat. Dazu die stockdunkle Bühne, die nur von den roten Kopflampen der Musiker und gelegentlichen Stroboskop Blitzen erhellt wurde. Dadurch verschwanden die Individuen und sowohl die Musiker, als auch das Publikum konnten sich dem Klang hingeben und ich sah oft geschlossene Augen, die sich von der Musik treiben ließen.

Leider war der brutale, düstere Sturm nach einer Stunde schon vorbei. Ich freute mich dennoch, denn Celeste haben sogar schon Konzerte von nur dreißig Minuten Länge gespielt. Urplötzlich war die Konzerthalle ratzfatz leer gefegt und wir fragten uns, wo die ganzen Leute hin verschwunden waren. Vielleicht in das schwarze Loch unter meinen Füssen?

Wir wollten zusammen noch was trinken gehen und trafen die Zuschauer dann eine
Etage höher am Merchandise Stand der Band. Mein Portemonnaie war sowieso leer, also brauchten wir uns hier nicht aufhalten. Immer noch hatte ich das Konzert nicht fassen können, aber es war so atemberaubend düster und brutal gewesen, daß ich es noch heute von der Energie zehre.

Wir machten uns noch auf den Weg ins Urban Eck in Kreuzberg, wo wir noch bei ein paar Bier über das Konzert, Monolithen, Lisas neue Installation und Pestizide wie DDT in der ehemaligen DDR und Monsantos Glyphosat philosophierten. Besser können Abende nicht enden, vor allem weil ich sehr rasch betrunken wurde, weil ich noch nichts Vernünftiges gegessen hatte. Zu Hause bekam ich dann endlich ein wunderbares Chili Sin Carne gereicht. Dazu ein kühles Augustiner Bier. Prost!

Fluchtgeschichten Ausstellung

Am kommenden Samstag geht es endlich los:
meine erste Fotoausstellung mit Bildern meines Schaffens von über zehn Jahren, bei dem ich Geflüchtete in Thailand, Burma/Myanmar, Nepal und Griechenland dokumentiert habe. Ich freue mich sehr, daß alles so gut geklappt hat und ich in einem so passenden Ort wie der Regenbogen Fabrik ausstellen kann.

Seit 2005 habe ich an vielen Orten mit Geflüchteten gelebt, zum Teil über Monate und habe einen sehr persönlichen Kontakt zu ihnen erhalten. Ich habe viele tolle Momente mit ihnen erlebt und auch viele traurige Geschichten über ihre Flucht, dem Leben in einer Diktatur, als unterdrücktes Volk oder im Krieg gehört. Mit meiner Kamera habe ich versucht, diese Momente einzufangen und möchte diese Bilder nun zum ersten Male zeigen. Sie sind zwar nur ein kleiner Ausschnitt, aber zeigen hoffentlich ein authentisches Bild von Geflüchteten, wie ich sie erleben durfte.

Zur Vernissage gibt es einen Vortrag über die Situation der ethnischen Minderheiten in Burma, bei dem ich aus meinem Buch Unterwegs in Burma vorlesen werde und leckeres asiatisches Essen.

Ich freue mich auf Euch und daß wir zusammen einen tollen Abend haben.

FLUCHTGESCHICHTEN

Fotos aus dem Leben von Geflüchteten in Burma/Myanmar, Thailand, Nepal und Griechenland.

Überall auf der Welt werden Menschen dazu gezwungen aufgrund von Krieg, kapitalistischer Ausbeutung oder fehlgeschlagener Politik ihren gewohnten Lebensmittelpunkt zeitweise oder längerfristig aufzugeben.

Die Fotoreihe nähert sich der Frage, wie diese Menschen ihr Alltagsleben am jeweiligen Zufluchtsort organisieren.

Wie gelingt es den Menschen, in einer Ausnahmesituation Normalität entstehen zu lassen? Wie werden Bildung und medizinische Versorgung organisiert? Wie wird gekocht, gegessen und gespielt?

Ich habe über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren Geflüchtete mit der Kamera begleitet. Die Bilder zeigen Menschen in den Kriegsgebietenvon Burma: Geflüchtete als Touristenattraktion in Thailand, als Entrechtete in Nepal oder im Niemandsland von Idomeni.

Wer mehr erfahren möchte, ist herzlich eingeladen zu den zwei Vorträgen über die Situation der ethnischen Volksgruppen in Burma/Myanmar, sowie über die Lebensrealität der Exil-Tibeter in Nepal.

Vernissage: 21. Oktober 2017 – 19:00 Uhr
Vortrag „Burma – 6 Jahre Demokratie?“ 21. Oktober 2017 –
19:30 Uhr
Vortrag „Das Leben der Exil-Tibeter in Nepal“ 22. Oktober 2017 – 19:00 Uhr

Regenbogen Café
Lausitzer Str. 22a
10999 Berlin

Facebook Event

Fluchtgeschichten Ausstellung