Die Gesellschaft hat keinen Scheiss Nutzen

Konzert vom 27. Januar 2017 im Willemeen in Arnheim.
SNFU, Orphalis, Bitter Grounds

Es sollte ein turbulenter und chaotischer Abend werden, der schon mit unguten Vorzeichen begonnen hatte. Normalerweise plane ich Konzerte weit im Voraus, um meine Dienste bei meiner Chefin anzumelden und damit ich keinen Spätdienst an dem Tag bekomme und erst sehr spät bei Konzerten ankomme. Diesmal ging jedoch etwas gehörig schief, ich hatte Spätdienst, musste zudem noch auf eine andere Station und es grassierte gerade der Norovirus mit Erbrechen und Durchfall bei unseren Senioren und Seniorinnen.

Keine guten Voraussetzungen, denn ich wusste ja, daß ich noch 120 Kilometer bis nach Arnheim fahren müsste. Das könnte extrem knapp werden, wenn SNFU, die ich eigentlich sehen wollte, um 21:45 Uhr anfangen zu spielen. Ich kam aber um 20 Uhr bei der Arbeit raus, fuhr vielleicht manchmal etwas zu schnell über die Autobahnen und parkte in einer Seitenstrasse vom Willemeen, da der Laden in der Nähe des Hauptbahnhofes liegt und damit das Parken schwierig war. Ich hatte auch Angst vor den berüchtigten holländischen Reifenkrallen. Eigentlich hätte ich mir sogar ein Parkticket ziehen müssen, da umsonst parken erst ab 23 Uhr begann, aber ich legte es drauf an.

Das Willemeen war schnell gefunden und ich ging in den Eingang, in dem die meisten Leute standen. Zuvor hatte ich flüchtig einen Zettel an der Wand gesehen, bei dem ein Pfeil in diese Richtung zeigte und ich meine es stand SNFU darüber. Ich sollte mich aber gehörig täuschen. Bei dem Ticketschalter fand der Typ den Scanner nicht, also bekam ich so meinen Stempel auf die Hand. Die Frau daneben sprach mich noch an, was ich nicht sofort verstand, bis mir wieder einfiel, daß ich in Holland war und ich doch in Englisch kommunizieren sollte.

Die Halle war sehr groß und es spielte noch eine Band. Ich wunderte mich etwas, welch unpassende Vorband man sich ausgesucht hatte, denn es waren Orphalis aus Dortmund und der Sänger growlte heftig und sie spielten eher Metal. Aber nun, ich war merkwürdige Zusammenstellungen von Konzerten gewohnt und machte meine Fotos, um das Verpasste aufzuholen. Ich dachte nicht weiter darüber nach. Ich hätte es aber mal besser machen sollen.

Irgendwann fiel mir auf, daß es bereits 21:45 Uhr durch war und mittlerweile eigentlich SNFU ihr Set aufbauen sollten. Dank moderner Technik mit mobilen Telefonen fand ich heraus, daß heute gleich zwei Konzerte in demselben Haus stattfanden. Gnn. Ich war erstmal auf dem Metal Konzert gelandet und düste jetzt schnurrsack nach draußen. Den Leuten an der Kasse war das nun auch aufgefallen und sie gaben mir meine Karte zurück. SNFU sollten in dem kleinen Cafe unten auftreten. Natürlich hatten SNFU schon angefangen zu spielen und das Konzert war komplett ausverkauft.

Das erste Mal habe ich SNFU ungefähr Mitte bis Ende der 90’er Jahre gesehen. Das war glaube ich damals im Zwischenfall, den es heute nicht mehr gibt. Da war ich noch jung und hatte vor dem Konzert voll Schiss, weil ich wusste, daß Sänger Mr. Chi Pig immer herum rotzte und auch gerne mal ins Publikum. Naja, am Ende war das alles halb so wild, aber der Mann ist mir in bester Erinnerung geblieben, weil er ein unglaubliches Energiebündel ist, da er permanent fünf Meter nach oben sprang, manchmal rotzte und herumtanzte. SNFU steht für Society’s No Fucking Use – also die Gesellschaft hat keinen Scheiss Nutzen.

Die Band löste sich nach vielen Trennungen 2005 endgültig auf, als es zu internen Problemen kam und das Epitaph Label ihren Vertrag nicht verlängern wollte. Mr. Chi Pig lebte für einige Jahre als Obdachloser auf der Straße und wurde nun endgültig schwer drogenabhängig und der Gebrauch von Chrystal Meth zeichnete ihn zusehends. Laut seinen eigenen Aussagen erschien ihm irgendwann seine Mutter an seinem Bett und riet ihm dazu, die Drogen doch sein zu lassen. So schaffte er den Dreh und das ist auch gut so, denn so bleibt er uns als Ikone auf der Bühne erhalten. Auch wenn er nicht mehr die Energie versprüht, wie es früher einmal war, ist es dennoch toll ihm zuzusehen in seinen Verkleidungen und Masken, die er sich aufsetzt. es zeigt aber auch, daß man sich aus allen Schieflagen des Lebens von alleine wieder heraus ziehen kann. Alleine dafür gebührt ihm gehöriger Respekt.

Von der Setlist habe ich nicht wirklich etwas mitbekommen, ich kann mich nur an das Lied Cannibal Cafe bewusst erinnern, daß ich zuvor noch im Auto gehört hatte. Ich musste mich zuerst einmal durch die Menge durchkämpfen, um einen geeigneten Platz an der Bühne zu bekommen und ein paar Fotos zu machen zu können. Das Konzert war dann leider auch schneller vorbei als mir lieb war, aber was sollte ich erwarten, wenn ich knapp 15 Minuten zu spät kam.

Dann war Umbaubause und es sollte noch eine Aftershow mit den Bitter Grounds aus Utrecht in den Niederlanden statt finden. Die Mitglieder der Gruppe sind schon seit 1996 musikalisch aktiv und sie veröffentlichten ihr erstes Debutalbum im April letzten Jahres. Sie spielten eine tanzbare Mischung aus Ska, Punk und Reggae. Wieso sie nun als letztes gespielt haben und was daran nun die Aftershow war, hat sich mir nicht erschlossen.

Der Abend war dermassen konfus, dass ich während der Zugabe von Bitter Grounds zurück zum Auto lief. Es fiel mir rückblickend auf, daß bei beiden Konzerten im Willemeen vor allem die Frauen die Stimmung machten und tanzten. Wie Mr. Chi Pig treffend bemerkte: „You guys get a kick in the ass by this bunch of girls here in the front.“ Ich sollte mehr Konzerte in Holland besuchen.

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